Die 80er, die 30er und alles dazwischen — Meine Schreibprojekte 2022

Analog zu meiner Freundin und Schreibkollegin Ira biete ich nun hier auch einen Ausblick auf mein kommendes Schreibjahr 2022. Das steht ganz unter dem Zeichen „Back to the roots.“ Erstens weil noch ein angefangenes Schreibprojekt um Attila auf mich wartet, das Ende der 80er spielt, also im selben Zeitraum wie der Großteil von „Die Stadt der Freiheit“, mein Debüt. Und dann Band 2 und/oder auch Band 3 meiner neuen Bukarest-Reihe.

Kommen wir zum ersten Projekt. Vor geraumer Zeit, nachdem ich „Steppenfalken“ mit Ira beendet hatte (erscheint Frühsommer 2022) habe ich die ersten Seiten eines neuen Romans, der sich um Attila dreht, begonnen. Einige Leser stellten mir die Frage, wann sich denn Attila das HI-Virus eingefangen hatte. Ich wusste darauf, ehrlich gesagt, noch keine Antwort. In Die Stadt der Freiheit blieb es einigermaßen offen, und in Steppenfalken war Attila noch gesund, weil das sonst die Handlung nur etwas verkompliziert hätte.

Aber natürlich ist es reizvoll, darzustellen, wie jemand wie Attila mit solch einer Diagnose umgegangen ist. Im Moment verkriecht sich Attila noch ein wenig vor mir, seiner Autorin, ganz das Oppossum, das er manchmal ist. Aber es kristallisiert sich bereits eine grobe Handlung heraus. Im Winter 1988/89 soll es spielen; erste Aufstände in Brasov rütteln an Ceausescus Kommunismus, in anderen Teilen der Welt wird die Luft dünner für die Machthaber, in einem Steilflug nehmen wir Landung auf die Ereignisse des Winters 1989. Und Attila hat wie immer den Kopf in den Wolken:

Von der Seite her sah Attila noch, wie Nicolescu mit den Augen rollte, ehe er sich wieder dem Dossier widmete. Und dann konzentrierte sich Attila wieder auf den Ausblick. Hier oben, wenn er flog, dann stand die Zeit still, dann ereignete sich nichts Böses. Nein, dann konnte sich nichts Böses ereignen. Genauso wie das Wasser an der Scheibe zu Eis gefror, so hielt die Welt den Atem an. Wir haben die Flughöhe erreicht, und es konnte immer so weitergehen. Hier oben brauchte man nichts anderes zum Leben als dieses Gefühl zu schweben. Attila erlaubte es sich sogar, die Augen zu schließen.

Er nippte erst an seinem Schnaps, dann leerte er das Gläschen.

Ja, das war sie, die vielgerühmte Freiheit.

Doch wie jeder Flug, wie jede gute Zeit, wie jede leidenschaftliche Affäre, die ihren Zenit überschritten hatte, kippte das Flugzeug bereits viel zu früh und bereitete sich auf das Landen vor.

Mit Interesse habe ich am diesjährigen Welt-AIDS-Tag gelesen, dass es mittlerweile sehr gute Behandlungsmethoden gibt, mit denen sich eine Infektion in Schach halten lässt, sogar so sehr, dass man unter der Nachweisgrenze liegt und nicht mehr als ansteckend gilt. Ich fragte mich, hätte Attila nur lange genug durchgehalten, um in den Genuss dieser neuen Therapien zu kommen, wie würde sein Leben heute wohl aussehen?

Dieser Attila-Roman soll etwas persönlicher, trotz der Ereignisse 88/89 etwas weniger politisch werden als meine anderen Romane. Und gleichzeitig reise ich immer wieder in die späten 1930er Jahre nach Bukarest, wo Band 2 und 3 meiner neuen Reihe auf mich warten.

Das Manuskript des ersten Bandes endete 1937; erstmals wurde da Homosexualität im allgemeinen Kontext im rumänischen Königreich unter zivilrechtliche Strafe gestellt. Volk, Politik und Kirche radikalisierten sich und der Weg in den totalen Faschismus bzw. in den Krieg nahm an Fahrt auf. Beinahe unmerklich wurden unsere Protagonsiten im ersten Band erwachsener, resignierter, innerhalb der sieben Jahre der erzählten Zeit. Besonders mein persönlicher Liebling Traian hat eine Entwicklung durchgemacht vom einigermaßen unbeschwerten Strahlemann hin zum verbitterten Offizier. Wie er wohl auf die Katastrophen der nächsten Jahre reagieren wird?:

Traian wartete am Zaun des Kindergartens. Es war einer der seltenen Tage, an denen er darauf bestand, ihn höchstselbst abzuholen, und das nicht sein Kindermädchen machen zu lassen. Er merkte sogleich, wie sich die Stimmung der spielenden Kinder im Garten und auch die der Kindergärtnerinnen schlagartig änderte, als er in voller Montur, in seinem Offiziersmantel aufkreuzte. Auch Ioan blickte zu Boden, fremdelte vor ihm und es versetzte ihm einen Stich durchs Herz. 

“War es schön?”, fragte er seinen Sohn, dieser nickte und Traian nahm ihn bei der Hand, versuchte, das kleine Händchen nicht zu zerquetschen. Diese Routinen hielten ihn tagsüber aufrecht. Er musste etwas tun, sobald er aufstand, arbeitete er, bis ihm die Augen zufielen. Selbst wenn er Dienstschluss hatte, konnte er nicht einfach in seinem Salon hocken und dem Müßiggang anheimfallen. Denn dann würden die Gedanken um ihn herum kreisen, wie drohende Raubvögel über seinem Kopf, bis sie einen Moment der Schwäche sahen, ihn ausnutzten und sich mit der Sehnsucht nach Marius auf ihn stürzten. 

Traian hatte gehofft, dass die Zeit die Wunde heilen würde, oder sie wenigstens ein wenig linderte. Aber manchmal, abends, wenn er wirklich nichts mehr zu tun fand oder die Flasche Alkohol leer war, dann vermisste er seinen Geliebten. Und der Schmerz war so überwältigend, dass er ihm die Luft zum Atmen nahm und er sogleich erwartete, mit einem Herzanfall zu Boden zu gehen.

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