A Merry happy Holiday — Die Winterschwalben fliegen gen Süden

Pünktlich zum ersten Adventswochenende fielen hier bei mir in Albstadt die ersten Flocken. Haus und Garten wurden geschmückt, man unternahm einen ausführlichen Spaziergang durch das schwäbische Winter Wonderland mit seiner atemberaubenden Natur und den wunderschönen, riesigen Anwesen und Grundstücken, die hier teilweise an die USA oder an Rumänien erinnern. USA und Rumänien — Moment mal, wie passt das zusammen? Sehr gut sogar, denn ab 1968 brach man mit dem Großen Bruder UdSSR und wendete sich dem Westen zu. Wobei wir schon beim Thema sind: Denn nicht nur der erste Schnee kam an, auch die ersten Autorenexemplare von Winterschwalben.

Verlassene, eiskalte Bahnhöfe, uralte Züge, das glänzende Silvesterfest, ein verschneites Kloster — der Osten hat im Winter und besonders zu Weihnachten oder Neujahr eine ganz eigene Atmosphäre. Bereits in meinen älteren Romanen der Timisoara-Reihe habe ich versucht, diesen Zauber jener Tage einzufangen. Dieses Mal wollten meine Autorenkollegin und ich Weihnachten und Silvester zum Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Romans machen. Ein Weihnachtsbuch sozusagen, aber nichts Besinnliches und auch etwas, was man zu anderen Zeiten lesen kann. Ein Cold-War-XMas-Special. Wie auch an Weihnachten war alles durchgeplant; Plot, Charaktere etc. Und wie an Weihnachten auch — besonders wenn man rumänische Weihnachten feiert, denn noch mehr als bei den Griswolds sind die Parcours-Stimmungsschwankungen bei uns legendär — verlief nicht alles nach Plan.

Photoshooting-Fail. So in etwa kann man es sich vorstellen, wenn zu den rumänischen Feiertagen mal wieder nichts nach Plan verläuft.

Plötzlich kam mein Protagonist nie in der Hauptstadt der MSSR an, dabei wollten wir Chisinau doch zum Schauplatz schlechthin machen. Ein Nebencharakter drängte sich gewaltig auf, quatschte nicht nur Iras Arvo voll, sondern stellte gewissermaßen den gesamten Plot auf den Kopf. Nelu musste sich die Haare färben, ihm gingen die Zigaretten aus und im Bett war er auch nur mit drei unterschiedlichen Personen. Eine sehr magere Ausbeute für ihn. Ob seine Mission wenigstens von Erfolg gekrönt war? Lest selbst. Hier eine kleine Silvester-Kostprobe:

Die Bar des Hotelrestaurants war festlich geschmückt. Die Tische bogen sich unter den Gerichten, die Nelu auch aus Rumänien vom Silvesterfest kannte. Boeuf-Salat, russische Eier, Krautwickel, Salzgebäck in Brezelform mit Kümmel und Sesam. Kuchen zum Rehrücken geformt, Baumstriezel und Hefekuchen mit Mohn- oder Nussfüllung. Die kommunistische Schickeria von Chișinău gab sich ein Stelldichein. Männer in Uniform, mit Tonnen von Orden behängt, ihre jungen Frauen oder Geliebten mit Türmen von Pelzkappen auf dem blondierten Kopf und knappen Röcken über Strumpfhosen vom Schwarzmarkt. Der Geruch nach Schnee, Parfum und Haarspray, verschwitzten Nylonstrumpfhosen, kalten Sekts und Schaumwein. Der Wunsch, sich in alles bis zur Besinnungslosigkeit zu stürzen, und gleichzeitig auf dem Absatz kehrtzumachen und sich ins Bett zu legen. Nelu sog alles ein, es munterte ihn sogleich auf, riss ihn aus seinen trüben Gedanken.

»Ah, da!« Stănescu neben ihm deutete auf einen der hinteren Tische am Fenster, das bedeckt war mit schweren, drapierten Goldvorhängen, wohl aus Polyester. Dort saßen Kortelainen und sein Fahrer Iacuşi, umringt von Frauen. »Also, auf in die Schlacht, Mareșal. Haide, haide.« Stănescu schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter, ehe er ihn in Richtung des Tisches schob.

»Du schon hier, Arviule?«, murrte Nelu, als er an dem Tisch ankam. Er rang sich ein Grinsen ab, setzte sich und versuchte den Blicken der Frauen auszuweichen.

»Arviule?«, entgegnete Arvo empört. »Wie nennst du mich, Beach Boy

»Dachte nur, es passt zu dir. Eine normale Koseform. Männliche Vokativform, erinnert mich jedoch an arvion. Und das erinnert mich ans Fliegen. Bist du nicht die Schwalbe?« Er zwinkerte Arvo zu, wechselte dann ins Russische, bevor die Frauen um ihn herum Verdacht schöpfen konnten.

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