Roadtrip durch Rumänien

Wie manche Leser bereits bemerkt haben, ist die durchgängige Hauptprotagonistin meiner Romane „Rumänien“, das Land selbst. In „Kinder der Revolution“ erbt Tiberiu sozusagen Attilas Auto; es wäre also ein Verbrechen, wenn man ihn nicht auf eine Art Roadtrip durch das Land schicken würde. Diese Reise, die er mit seinem Freund Leo unternimmt, hat tatsächlich ihren Ursprung in einem meiner Urlaube. Im Rekordsommer 2003 reiste ich durch die Heimat meines Mannes, dem berühmt-berüchtigten Transylvannien (ich selbst komme aus dem Banat).

Neben der Wasserburg von Fogarasch und der Bauernburg in Rosenau, die auch im Roman Erwähnung finden, ging es auf der Transfogarascher Hochstraße gleich ans Eingemachte. Sie gilt als eine der schönsten Straßen der Welt, schlängelt sich durch das Gebirge, es gab Schnee im Juni, ein Gewitter mit Hagel zog auf und ja, sogar der vereiste Tunnel, der eigentlich zur Durchfahrt verboten war, in den Tibi aber trotzdem hineingefahren ist, ist der Wirklichkeit entnommen. Damals sind wir übrigens heil herausgekommen, obwohl es brenzlig war und das Auto beinahe ins Schlittern kam. Mein Magen hat es aber irgendwann nicht mehr ausgehalten und … aber die Details erspare ich euch hier lieber.

Sogar das Kriegsmuseum, das mitten in den Berg hineingebaut zu sein schien, gibt es wirklich, und es hat mich wohl nachhaltig beeindruckt.

Neben all den anderen Zielen und Burgen, die auf jeden Fall eine Reise wert sind — sage ich mal ganz unvoreingenommen — dürfen natürlich die Burg Bran und das Schloss Peles, Sitz der ehemaligen Könige Rumäniens aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen, nicht fehlen. Damals, 2003, gab es vor Peles tatsächlich irgendwelche Spinner, die Fotos mit Babylöwen verkauft haben. Zum Glück ist man heute mit dem Tierschutz weiter. Ob es die Dracula-Verkaufsbuden unter der Törzburg heute noch gibt? Jedenfalls war es damals ein sehr surreales Erlebnis, als man sich plötzlich in diesem Disneyland des Tourismuskonsums wähnte und von Tassen über Gürtel und Turnschuhen bis hin zu Kondomverpackungen alles mit dem Konterfei des (Vampir)fürsten kaufen konnte.

Die oberen Bilder wurden wirklich von mir geschossen, mit meiner allerersten Digitalkamera. Was war man damals stolz auf diese futuristischen Dinge Anfang der 2000er. Der Wahnsinn! Auch mein Protagonist Leo erkundet das „neue“ Rumänien mit einer technischen Innovation, und zwar einem Handy. Neben den Abofallen, die er aus Versehen aktiviert, ist es ihm dann doch noch ganz nützlich bei einer Autopanne … Und das „Vampirrestaurant“, in das wir auf der Rückfahrt vom Gebirgspass eingekehrt sind, war in vielerelei Hinsicht gruselig …

Hier eine kleine Leseprobe aus „Kinder der Revolution“:

Die Bierflaschen in Leos Plastiktüte klirren aneinander, als sie die Stufen des Schlosses in Sinaia hinauf und hinunter marschieren und dem Reiseleiter folgen, der sie durch die verzierten Säle führt, die in deutsch-romantischer Weise erbaut wurden. Der Sitz der Könige Rumäniens.

»Schaut euch den Mann an. Er respektiert die Geschichte nicht, trägt Bierflaschen in seiner Tüte mit sich herum«, hört Leo eine Frau hinter sich flüstern.

»Wie viel Respekt sollte ich einem Gebäude erweisen, das sinnbildlich für den Bankrott der Bevölkerung steht?«

»Leo, das ist unser Urlaub. Mach ihn nicht kaputt«, presst Tiberiu zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Sehen Sie, Sie haben hier ein wunderschönes und reiches Land, aber ihr Rumänen seid seltsame Leute. Und übrigens, warum darf man hier rauchen?«, fährt die Frau fort, mit Leo zu streiten.

»Weil wir uns sonst gegenseitig auf die Nerven gehen würden, meine Gnädige. Rumänisches Temperament ist launisch, ohne Zigaretten, die uns beruhigen, gehen wir uns an die Gurgel. Und außerdem ist dies unser Land. Wir sind viel zu lange in unserer eigenen Heimat unterdrückt worden. Jetzt machen wir, was wir wollen. Auch in Schlössern rauchen.«

Sie wirft ihm einen fragenden, genervten Blick zu und entfernt sich einige Meter von ihm und Tiberiu.

»Oh, vai, sie hat einiges über rumänische Gastfreundschaft zu erzählen, wenn sie wieder zu Hause ist. Willst du, dass nie wieder Touristen in dieses wunderschöne Land kommen?«, schmunzelt Tiberiu und stößt seinen Ellenbogen in Leos Seite.

Als sie die riesigen Räume mit den hohen Decken durchschreiten, ist Leo doch schwer beeindruckt.

»Schau dir all diese Holzarbeiten an. Jeder Millimeter geschnitzt und verziert. Kein Nanometer weißer Wand«, bewundert Tiberiu den Treppensaal. »Hier könnte man großartige Filme drehen. Ich hätte nie gedacht, dass unser Land solche Dinge zu bieten hat.«

»Das schönste Land der Welt, aber schade, dass es von so vielen Idioten wie dir bewohnt ist.«

»Oh du!«

Nach der Führung treten sie in die heiße Sonne und Tiberius Herz flattert stolz, als er die rumänische Flagge auf den Burgtürmen wehen sieht.

Sie kommen an einigen Roma vorbei, die versuchen, Dracula- und Märchen-Merchandising zu verkaufen, drängen sich an sogenannten Geschäftsleuten vorbei, die die glorreiche Idee hatten, selbstgeschossene Fotos mit lebenden Baby-Löwen für jeweils fünfzig Dollar das Stück anzubieten. Zwischen bettelnden Kindern, streunenden Hunden und Katzen, reich aussehenden Rumänen und verwirrten Touristen muss Tiberiu keuchen.

Der schöne innere Kern Rumäniens, befleckt von der Armut des Kommunismus, ein Dornröschen, das bereit ist, von einem weißen Ritter in glänzender Rüstung wachgeküsst zu werden. Aber wer wird es sein, der dem Land wieder auf die Beine hilft? Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war es das sechstreichste Land in Europa gewesen, jetzt ist es das ärmste. Ein ungeschliffener, zersplitterter Diamant an der Peripherie der westlichen Welt.

»Wo willst du essen?« Leo weckt ihn aus seinen Tagträumen.

»Egal, solange es kein Dracula-Restaurant ist.«

»Du hast vielleicht Ansprüche.«

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