Toxische Männlichkeit in meinen Rumänien-Romanen

Bei #diverserdonnerstag von equalwritesde auf instagram ging es einmal um toxische Männlichkeit.

Dazu musste ich einen Post verfassen, weil die meisten meiner Charaktere darunter zu leiden haben. Männer wie Frauen. Sie leben in einem Teufelskreis von toxischer Männlichkeit, das bedingt durch eine orthodox und ebenso sozialistisch-patriarchalisch geprägte Gesellschaft zementiert ist. Nelu litt selbst unter dieser Form von Männlichkeit, kann den Kreislauf nicht durchbrechen und macht seinem Sohn Tiberiu das Leben schwer. Attila leidet sowohl in der Familie als auch in der Schule darunter. Obwohl seine Eltern liebevoll erscheinen, wagt er es nicht, ihnen seine wahren Gefühle zu beichten, was z.B. seine Sexualität angeht. Und er selbst fällt auch in alte Rollenbilder zurück in seinen Beziehungen zu anderen Männern. Obwohl er sonst feinfühlig und romantisch ist, kocht manchmal das Testosteron in ihm über und er geht seinen Liebhabern wortwörtlich an die Gurgel.

Rauchen, saufen, huren – eines der Symptome von toxischer Männlichkeit und eine zeitweise Flucht daraus. Besonders die Alkoholsucht ist immer wieder ein Thema in meinen Romanen, das mir sehr wichtig ist. Die männlichen Protagonisten wie Tibi und Traian flüchten sich in den Alkohol, der zeitweise Linderung verschafft und dennoch alles schlimmer macht. Zigaretten und Kettenrauchen erscheinen da als das kleinere Übel.

Auch heute noch ist die Gesellschaft, der diese Charaktere entstammen, von dieser Art Männlichkeit geprägt. Ich hoffe, dass es eines Tages anders wird.

Aber es ist nicht nur ein „männliches“ Problem, denn es sind auch die Mütter, die diese toxische Männlichkeit bei ihren Söhnen verbreiten. So zum Beispiel Frau Novák, der sich Attila nie im Leben anvertrauen würde. Als Attila es wegen eines tragischen Ereignisses nicht mehr aushält und weinend bei seiner Mutter ankommt, kann man ihre Reaktion in etwa wie folgt zusammenfassen: „Du bist depressiv, dann hast du zu wenig Kuchen gegessen. Denk nicht dran und iss!“ Boys don’t cry — das ist ihr Motto. Und auch Tibis Freund Leos lässt sich in „Kinder der Revolution“ darüber aus, dass gerade Mütter, die ihre Söhne nicht akzeptieren, alles nur noch schlimmer machen, sogar noch schlimmer als die üblen Väter.

Toxische Männlichkeit scheint ein neues Modewort zu sein, manchmal mutet es sogar an, dass das Thema erst in den letzten Jahren überhaupt aufgekommen ist, genauso wie der „Bad Boy“. Aber es ist und war schon immer Bestandteil meiner Geschichten, ohne dass es besonders herausgehoben wurde. Bereits in der sechsten Klasse, als ich die ersten zarten Romanversuche startete, sagte meine Deutschlehrerin zu mir: „Du beschreibst manchmal solche widerborstigen Männer, das ist sehr erstaunlich. Und was ich dabei am besten finde: Du urteilst nicht über sie, und du verklärst auch nichts.“ Schon erstaunlich, dass ich in so einem zarten Alter das Thema des saufenden, hurenden und zutiefst durch Traumata gespaltenen Mannes als eines meiner „Lieblingsthemen“ auserkoren hatte. Wie alt ist man in der sechsten Klasse? Elf? Zwölf? Du meine Güte! ich erschrecke vor mir selbst.

Einen Teil dieses Artikels veröffentlichte ich bereits auf meinen social-media-Kanälen, nichts ahnend, dass ich diesen wirklich wundervollen Kommentar ernten würde:

„Es sollte mich ja nicht überraschen, dass ich positiv beeindruckt bin, wenn du mal ein Buzzword in den Mund nimmst. Tut es dann aber halt doch.Wenn ich ‚toxische Männlichkeit‘ schon lese, legen sich meine Augenbrauen tiefer. Ich kann nicht aufzählen, wie oft das für den beliebtesten Sport post-moderner Ultra-Feministinnen – Männer-Bashing – missbraucht wurde. Alles, was man sich denken oder ausdenken kann, wird dann zum Symbol dafür und auch zum Beweis, dass im Prinzip die Männer ausgerottet gehören, weil sie nicht zu retten sind. Und dann kommst du daher und redest über etwas, was wirklich Hand und Fuß hat. Aus einem Kontext heraus, der Sinn ergibt. Es ist schon verblüffend …Über die Sache lässt sich unter dem Schlagwort nur schwer reden, eben weil der Begriff selbst ziemlichen Ballast mit sich bringt. Aber deine Worte lassen mich zur Abwechslung mal wieder darüber nachdenken, dass es da dieses Problem durchaus auch noch gibt. Ein Männlichkeits-Ideal muss nicht schlecht sein. Aber es darf auch nicht dogmatisch sein. Es ist eine individuelle Sache, keine Vorgabe der Gemeinschaft. Man(n) braucht es manchmal, um sich der eigenen Identität sicher fühlen zu können. Doch man(n) muss es auch kritisch überdenken, wenn es zu objektiv negativen Verhaltensmustern führt.“

Wow. Ich würde sagen, meine Mission ist erfüllt.

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