X-Mas-Special: Winterschwalben

Der Winter 2020 stand schreibtechnisch ganz im Zeichen der Moldauischen SSR. Ja. Nicht schlimm genug, dass alles so war, wie es war. Nein, als Autorin begab ich mich zusätzlich noch in Gefilde, in die kein Mensch eigentlich abtauchen wollte. Aber ich tat das nicht allein. Mir zur Seite stand meine liebe Autorenkollegin Ira Habermeyer. Während der Lockdown uns in der Realität im Griff hatte, begaben sich unsere Protagonisten im Winter 1968/69 von Timisoara bzw. Tallinn nach Chisinau in die MSSR. Sie hatten einen Auftrag zu erfüllen, jeder auf seine Weise. Und auch ich und Ira als Autorinnen: nämlich einen Roman zusammen zu schreiben.

Die Idee kam uns während eines Chats. „Stell dir vor, dein Arvo würde auf meinen Nelu treffen! Darüber müsste man ja einen Roman schreiben, ein Crossover sozusagen!“ Ha, ha, wir machen Witze, nicht wahr! Nicht wahr?

Aber schnell wurde klar; ja, wir hatten tierischen Bock, einen Roman zusammen zu schreiben. Beide hatten wir uns 2019 bei einer Leserunde kennengelernt. Und wir beide brannten bzw. brennen noch immer für dieselben Themen: Osteuropa, das Baltikum und der Kalte Krieg. Ira liebte meine Romane und ich verschlang ihre. Schon lange hatte mich kein Buch mehr so gefesselt wie ihres. Aber konnte das gut gehen, etwas zusammen zu schreiben? Immerhin haben wir mit Nelu und Arvo zwei Protagonisten ausgesucht, die — sagen wir mal — etwas schwierig sind. In der Pädagogik würde man sagen, es sind herausfordernde Kinder.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und bereits nach ein paar Zeilen stellte sich heraus, dass wir auch als Schreibduo sehr miteinander harmonieren.

Hier also eine Leseprobe aus Nelus Sicht:

I wish it would rain

Dezember 1968,

Timișoara, Sozialistische Republik Rumänien, nach der Loslösung von der UdSSR

Im fahlen Licht des Winternebels sah Nelu, wie der Sarg zu Grabe gelassen wurde. Der Tag brachte einen bröselnden Schneeregen, der ihm in den Kragen lief. Er hatte sich keinen Schal mitgenommen; ein Mareșal eines der perfidesten Geheimdienste der Welt, der rumänischen Securitate, zeigte solch eine Schwäche nicht, und die Kälte machte ihm auch nichts aus. Und dennoch, als er nach der Schaufel griff, mit der er etwas Erde auf den Sarg streuen sollte, da blitzte ein Streifen Haut zwischen Lederhandschuh und Mantelsaum auf. Und das ärgerte ihn, weil es ihn so menschlich machte.

Er musste eine Träne unterdrücken. Eine Beerdigung, ausgerechnet um Weihnachten herum. Die ganze Zeremonie über – eine katholische noch dazu – war er gefasst gewesen, hatte den Worten der trauernden Ehefrau gelauscht, die den Verstorbenen als einen stets treusorgenden und feinfühligen Mann lobte. Ob sie von seinem Geheimnis gewusst oder es geahnt hatte?

Treuherzig und feinfühlig. Das könnte auch eine Umschreibung sein für andere Dinge, die man nur hinter vorgehaltener Hand sagte. Wie konnte sie nicht wissen, wo sich ihr Mann herumgetrieben hatte, all die Nächte und die Wochen, in denen er angeblich in einen Auftrag verstrickt war?

Nelu trat an das Loch im Boden, die Erde fiel scheppernd und dumpf auf das helle Holz des Sarges. Der Schnee schmolz sogleich, als er auf den Maserungen der Eiche aufprallte. Zarte weiße Flöckchen lösten sich auf; wo vorher noch etwas war, gab es mit einem Mal nichts mehr. Von einer Sekunde auf die andere.

Da erlaubte sich Nelu doch noch so etwas wie menschliche Regung. Er kramte aus seinem Kragen die Kette mit dem orthodoxen Kreuzanhänger heraus und drückte einen Kuss darauf. Er konnte nicht behaupten, ihre Beziehung sei besonders tiefgreifend gewesen. Aber in all den Jahren hatten sie ihre Liebschaft immer wieder kurz aufleben lassen, wenn auch hauptsächlich nur im Bett. Man vertraute sich nicht allzu intime Dinge an, und so war Nelu nicht überrascht, dass der Verstorbene ihm seine Krebserkrankung verschwiegen hatte. Erst vor ein paar Tagen war die Todesnachricht gekommen und hatte ihn zurückgelassen, als ob jemand ihm mit der Faust in die Magengrube geschlagen hätte.

Nelu hielt sich im Hintergrund, während die Familie am offenen Grab vorbei defilierte. Der Schneefall wurde stärker. Dann, als alles gesagt war, als alle Tränen geweint waren, als der Durst nach Schnaps und der Hunger nach dem Leichenschmaus übergroß wurden und sich die Gesellschaft in die verschiedenen Autos zerstreute, um ins Restaurant zu fahren, da trat Nelu pflichtschuldig zur Witwe.

»Mein herzliches Beileid, Frau Androșan. Ihr Mann ist ein guter und wertvoller Mitarbeiter meiner Abteilung gewesen.« Er nahm seine Offiziersmütze vom Kopf und deutete so etwas wie eine Verbeugung an.

»Danke«, antwortete sie nur kühl, mit einem eiskalten Feuer im Blick.

Sie wusste es.

Würde sie schwatzen? Würde sie es, wenn auch nur heimlich oder so nebenbei im Geschwätz, erwähnen, dass der große Mareșal Ion Valerian Nicolescu nicht nur dem weiblichen Geschlecht zugetan war? Das durfte er nicht riskieren. Sie musste beseitigt werden.

Gleich heute Abend würde er sich einen Plan überlegen.

Aber zuerst wartete ein reichhaltiges Buffet auf ihn. Als Vorgesetzter des Maiors Androșan – Gott hab ihn selig! – hatte sich Nelu höchstpersönlich für die Organisation des Festmahls zuständig erklärt. Und als letzten Gruß seines orthodoxen Glaubens eine Colivă, die traditionelle Roggentorte, in Auftrag gegeben.

Ob katholisch oder orthodox, das alles wurde hier geduldet. Ceaușescu fuhr seit Längerem eine Sonderlinie in den Staaten des Warschauer Pakts. Und seitdem er sich diesen Sommer gegen den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei gestellt hatte, war Rumänien zu einer ganz eigenen Art sozialistischer Staat geworden. Zu einer Art östlichem Utopia.

Vielleicht konnte man ja auch so etwas wie Homosexualität tolerieren. Man munkelte sogar, Elena Ceaușescu, die Frau des Generalsekretärs, ließe regelmäßig einige warme Brüder kommen, um sich in Stimmung zu bringen, während sie ihnen beim sexuellen Akt zusah.

Manchmal fühlte sich Nelu wie in einem Fantasieland, das es in diesen komischen Zukunftsfilmen aus den USA gab.

Ja, vielleicht musste er seine Liebschaften nicht mehr geheim halten.

Aber natürlich wollte er es nicht drauf ankommen lassen.

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