#CharactersofSeptember2021 Teil II

Ich kann es nicht länger mitansehen. Still habe ich abgewartet, wie meine Protagonisten versuchen, sich ihrer Gefühle klarzuwerden. Aber sie sind sture Böcke. Und weil wir Autoren alle ein wenig plemplem sind und unsere Figuren fast schon real sind und zur Familie gehören, muss ich doch noch einmal ein ernstes Wörtchen mit ihnen reden. Allen voran mit Tiberiu.

Photo by Laura Ghise on Unsplash

„Du, Tibi, sag mal, das ist schon dein drittes Bier heute und es ist noch nicht einmal Nachmittag.“

Er schaut vom Tisch hoch und zieht an seiner Zigarette. „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“, erwidert er genervt. Ich weiß, er mag mich nicht (leicht untertrieben!), aber wenn jemand solche Schicksalsschläge für mich parat hätte wie ich für ihn, dann würde ich denjenigen auch hassen.

„Wusstest du“, frage ich ihn weiter, „dass du nach deinem Vater der unbeliebteste Charakter der Reihe bist?“

Er schnauft. „Ts, ja, hätte ich mir auch denken können. Wer mag mich schon. Das ist eben so. Aber ne, Attila zum Beispiel kann machen, was er er will. Die Leute vergöttern ihn.“

„So ist das nun auch wieder nicht“, versuche ich ihn zu trösten. „Vielleicht wäre es gut, wenn du etwas aus dir herausgehst. Etwas über dich erzählst. Vielleicht lernen dich die Leser dann besser kennen und mögen.“

„Etwas über mich erzählen? Du bist doch nicht ganz dicht im Kopf!“

Das saß. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern. „Versuch’s doch einmal. Sag. Warum bist du immer so pessimistisch?“

„Ach! Du müsstest das doch wissen. Bei uns sagt man: Lache heute nicht zu viel, sonst weinst du morgen den ganzen Tag. Zu viel Glück misstraut man. Besser also gleich nichts zu erwarten oder eben das Schlimmste.“

„Aber so wird es doch nicht besser, oder?“

„Nein.“ Er zuckt die Achseln. „Und? Ce sa faci? N-ai ce sa faci!“ Was willst du dagegen tun? Du kannst nichts tun! Ein weiteres rumänisches Sprichwort, das einen voll auf die Palme bringen kann. Mit so einer Einstellung ändert sich tatsächlich nichts!

„Okay. Machen wir kleinere Schritte. Welche schlechte Angewohnheit möchtest du denn loswerden, Tibi? Also … die erste deiner zahlreichen?“

„Ah!“ Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, scheint wirklich verzweifelt zu sein. „Jetzt hast du mich an den Eiern, was?“ Er raucht, trinkt, hurt herum, suhlt sich in Selbstmitleid. Wenn er sich nur etwas mehr am Riemen reißen würde … „Weniger fluchen vielleicht? Keine Ahnung. Ich würde gerne einmal besser schlafen, ohne abends stundenlang wachzuliegen und dann ständig von meinen Albträumen aufzuwachen.“

„Das ist doch keine Angewohnheit.“

„Ist aber trotzdem scheiße.“

„Verständlich. Für was hast du eigentlich kein Verständnis?“

„Boah!“ Jetzt geht er ein wenig mehr aus sich heraus, dreht sich sogar etwas zu mir um. „Kennst du die nervige Angewohnheit mancher Ungarn viel, viel zu früh zu vereinbarten Treffen aufzutauchen? Natürlich kennst du sie! Machst du das selbst? Also, Attila konnte das manchmal auch sehr gut. Beinahe eine Stunde früher war er da. Wenn ich sagte, treffen wir uns doch um drei, dann machte er sich kurz nach dem Mittagessen schon auf!“

„Hmna“, murmle ich. „Bei uns sagt man ja so einige Dinge. Zum Beispiel, dass es Unglück bringt, mit dem Finger auf einen Regenbogen zu zeigen oder ihn zu fotografieren. Bist du eigentlich abergläubisch?“

„Hrmpf.“ Er zuckt mit den Achseln, scheint wieder überfordert zu sein. Ich muss ein schöneres Thema anschneiden. „Gehst du gerne aus? Und wohin am liebsten?“

„Überallhin. Die ganze Piata Victoriei entlang, zumindest damals, als sie noch Opernplatz hieß und man noch irgendwo hingehen konnte. Diese Stadt hat einige schöne Restaurants und Cafés. Man nennt sie ja nicht umsonst das Kleine Wien. Aber die neueren Bars und Clubs sind auch nicht zu verachten. Nur werde ich dafür langsam zu alt. Aber Attila, der …“

„Du redest immer über ihn. Heute bleiben wir aber mal bei dir, Tibi!“

Ich merke, wie ihn das leicht ängstigt und fahre fort: „Wie geduldig bist du?“

„Weiß nicht. Geht das noch lange? Wann sind wir hier fertig?“

„Ha, ha!“

„Witzig, ne?“

Okay, er kann manchmal wirklich ganz schön nerven. Aber ist er nicht wenigstens etwas liebenswert? „Was macht dich glücklich?“ Eine sehr offene, allgemeine Frage, aber vielleicht kann ich ihn damit herauslocken.

Er wird tatsächlich nachdenklich, überlegt lange. „Ein ganz bestimmter Mensch“, flüstert er dann.

„Darf ich den Namen erfahren?“

„Nein“, sagt er fest. „Noch nicht“, dann etwas sanfter.

„Sagst du immer, was du denkst?“

„Ja, du %$&/%$§$%%$.

„Okay, das war eindeutig. Aber wenn es um deine Gefühle geht, dann nicht, oder?“

Ich sehe, wie er wieder zum Fluchen ansetzt, davor grätsche ich aber noch dazwischen: „Was kannst du nicht wegwerfen?“

„Schau dich doch einmal um: Attilas ganzer Krempel ist noch immer hier. Das meiste davon ist Müll!“

Wir wissen beide, wie unordentlich Attila war. Und schon wieder spricht Tiberiu über ihn. Dennoch kann ich ihm das nicht übelnehmen. Auch mir bedeutet Attila sehr viel.

„Letzte Frage. Hast du Angst vor dem Tod?“

Er trinkt sein Bier aus, deutet bereits mit dem Finger zur Tür: Ich soll endlich verschwinden. Davor antwortet er aber noch: „Ja. Sehr große Angst. Bitte, lass mal in deinen Romanen etwas mehr Leute am Leben, ja?“

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