#CharactersofSeptember2021

Beim diesjährigen #charactersofseptember2021 lasse ich dieses Mal Tiberiu, den Protagonisten aus „Kinder der Revolution“ (erscheint Oktober 2021) zu Wort kommen. Er überdenkt sein Leben und vor allem seine Beziehung zu seinem besten Freund Attila, dem Star aus dem Skoutz-Award-prämierten „Die Stadt der Freiheit.“ Ganz ungewohnt für mich nehme ich die Position des Ich-Erzählers aus Sicht Tiberius ein, lehne mich als Autorin zurück und schau mal, was dabei herauskommt, wenn traumatisierte Machos über ihre Gefühle sprechen sollen/müssen/dürfen.

Es ist Dezember 1989 und wir sind gerade in der Kaserne angekommen. In Timisoara hat es einen Aufstand gegeben, im Radio habe ich gehört, er habe sich aufs ganze Land ausgebreitet. Nun also Bukarest. Können wir unseren Tyrannen, den Diktator Ceausescu, endlich stürzen? Ich weiß es nicht. Ich habe dieses eklig-schlimme Gefühl, dass etwas Schlimmes und zugleich Wunderbares passieren wird. Attila neben mir sieht nicht gut aus. Ich ahne, an welcher Krankheit er zu leiden scheint, aber das verdränge ich. Im Verdrängen bin ich Profi. Und das vierte Bier und das dritte Gläschen Schnaps helfen mir dabei. Mit dem Trinken habe ich heute um zwölf angefangen. Zu früh? Scheiß drauf! Dies sind bewegte Zeiten. Wer weiß, ob wir alle morgen noch leben?!

„Attila“, sage ich zu ihm. Ich muss etwas tun, reden, nur hier herumzusitzen und auf unseren eventuellen Untergang zu warten, das fühlt sich furchtbar an. „Irgendwie scheint es mir, dass du dich die letzten Jahre so sehr verändert hast. Ich erkenne dich kaum wieder. Sag, wer du bist. Stell dich doch einmal vor.“

Attila runzelt die Stirn und verdreht die Augen. „Was für eine Scheiße ist das jetzt schon wieder?“

Schwerfällig setzt er sich im Bett auf. Seine Augen sind in ihren Höhlen eingefallen, tiefe Schatten unter ihnen, seine Wangen sind knochig und die Schminke, mit der er sonst seine Haut versteckt, ist an manchen Stellen fleckig, Man sieht dunkelrote Schatten, manche sind ein wenig knubbelig. Das ist … Diese Krankheit nennen sie … Scheiß drauf! Noch ein Schluck Bier. „Bitte, Atti, ich muss etwas labern. Also; tu so, als kennen wir uns nicht. Stell dich einmal vor.“

„Oh Mann.“ Er bettet seinen Kopf auf seine Hände, aber ich merke, dass auch er das Bedürfnis hat, aus dem Hier und Jetzt zu entfliehen. „Na schön. Also, mein Name ist Novák Attila. Und das ist ein sehr gewöhnlicher Name. Trotzdem kennen ihn viele, denn ich bin ein gefürchteter Securitate-Agent. War’s das?“

So definiert er sich also. Name und Beruf. Ist das nicht traurig. Aber wir wollten uns ja ablenken. „Und wie groß ist deine Familie?“

„Was? Warum fragst du das? Du kennst meine Familie. Ich habe zwei große Brüder und hatte eine Schwester. Du warst mit ihr zusammen, bevor sie …“

Schmerzliche Erinnerungen werden wach. Vielleicht war das nicht die beste Frage. „Okay. Okay. Und was bedeutet dir Familie? Warum … hast du keine … eigene?“ Ich ahne es, aber ich will es von ihm hören.

„Ach komm!“, ist seine Antwort und er bringt ein schiefes Lächeln zustande. Irgendwas drückt an seinem Zahnfleisch, ein Geschwulst oder so. „Ein Mann wie ich sollte allein bleiben“, sagte er dann noch, leiser.

„Wenn das nur mehr Menschen sagen würden, wäre diese Welt vielleicht ein viel besserer Ort.“ Ich werde zu philosophisch. Also die nächste Frage: „Wer war deine Bezugsperson als Kind?“ Ich weiß es tatsächlich nicht. Wir waren beste Freunde seit dem Kindergarten, ich klammerte mich immer an Attila. Aber er?

„Hm.“ Attila zuckt mit den Achseln, scheint es selbst nicht zu wissen. „Keine Ahnung. Mein Vater nicht, meine Brüder nicht. Mutter vielleicht.“ Noch einmal schnauft er, fischt auf dem Tisch nach der Zigarettenschachtel. „Aber auch nicht so wirklich.“ Er sinniert, dann scheint es ihm einzufallen. „Lehrer vielleicht. Irgendwie habe ich immer unsere Lehrer als Vorbilder genommen.“

„Lehrer?“ Im Spiegel sehe ich, wie ich das Gesicht verziehe. „Ausgerechnet Lehrer?“

„Ja. Warum nicht?“ Wir beide wissen, dass er einmal in einen seiner Lehrer verliebt war, aber das Thema sprechen wir im stillen Einvernehmen nicht an.

„Und deine glücklichste Kindheitserinnerung? Was ist die?“

Er schluckt erst einmal, dann muss er lächeln. „Ich fand es immer schön, wenn du bei uns warst und auch bei uns übernachtet hast.“

Stille breitet sich zwischen uns aus. Ich brauche noch einen Schnaps. „Wirklich?“, frage ich dann, als ich mir sicher sein kann, dass meine Stimme nicht zittert. Ich weiß, dass er nicht mehr lange … Stopp!

„Ah, na, nein, du hast mich immer genervt mit deinem scheiß Geklammere. War froh, wenn du wieder zu Hause warst.“

„Hurensohn!“

„Arschloch!“

Wir lachen beide laut auf.

„Was war dein liebstes Spielzeug? Also, ich meine … als Kind … nicht jetzt … ich kann mir vorstellen, was … also …“ Ich spüre, wie meine Wangen heiß werden. Gott, ich bin eigentlich viel zu betrunken, um normal reden zu können.

„Darauf antworte ich jetzt nicht“, sagt er.

„Na schön. Warst du gut in der Schule?“

„Nö. Weißt du doch. Hast mich doch immer von dir abschreiben lassen.“

„Ja, weiß ich ganz gut. Ähm …“ Ich überlege mir noch eine weitere Frage. „Wie war dein erster Kuss?“ Ich weiß, diese Frage ist unverschämt. Aber ich muss es wissen. Er hat es mir nie gesagt. Und bevor er … für immer geht, muss ich das wissen.

„Feucht“, erwidert er nur und zündet sich eine weitere Zigarette an.

„Wer war es?“, bohre ich nach und er sagt nur: „Kennst du nicht.“ Nun, ich muss akzeptieren, dass er solche Dinge nicht mit mir teilen will. Warum habe ich überhaupt mit diesen komischen Fragen angefangen? „Was ist dir bei deinen Freunden wichtig?“, wechsle ich das Thema.

„Dass sie nicht so viel quatschen wie du“, sagt er und ich merke, wie er müde und lustlos wird. Ich frage mich, ob er Medikamente nimmt, was sie mit ihm machen und ob sie helfen.

„Okay. Eines will ich noch wissen“, sage ich dann, „bin ich noch dein bester Freund?“

„Ja“, sagt er nüchtern, nimmt sich einen Schluck von meinem Bier. Manchmal ist sie so wohltuend und tröstlich, seine Wortkargheit. Manchmal ersetzt sie ein ganzes Gespräch. Wir haben uns Nächte um die Ohren geschlagen, von Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang konnten wir über alles reden. Aber wir konnten auch einfach nur tagelang nebeneinanderher schweigen.

Ach, Attila … Ich wünsche mir, ich würde dich nicht so sehr mögen … lieben …

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