Cold War Fiction Holiday

Es ist ein offenes Geheimnis, dass mein Schreibjahr 2021 eng verbunden war mit meiner Kollegin Ira Habermeyer. Nicht nur dass sich unsere Zusammenarbeit als sehr schön und produktiv herausgestellt hat, uns packte noch zusätzlich das Fernweh, und wir beschlossen, das Thema „Urlaub“ ein wenig in unsere Romane einzubauen. Wir reisten virtuell aber nicht nach Italien, Mallorca, in die USA, oder wo sonst „normale“ Leute hingehen. Nein, uns verschlug es im Kalten Krieg, in den 60ern und dann Mitte der 80er zuerst in die MSSR und dann an den Balaton in der Volksrepublik Ungarn.

Winterschwalben – Sex, Drugs and Spies in der eiskalten Moldova

Chișinău ist jetzt nicht gerade die erste Idee, wenn man an Winterurlaub denkt. Dennoch verschlägt es meine und Iras Protagonisten zum Jahreswechsel 1968/69 dorthin. In geheimer Mission geht es um das neue Lebensgefühl der 1960er, dessen sich auch der Osten nicht entziehen kann. Ist sogar nach dem Prager Frühling so etwas wie eine Unabhängigkeit und Tauwetterperiode in Sichtweite?

Hier eine kleine Leseprobe:

Die Bar des Hotelrestaurants war festlich geschmückt. Die Tische bogen sich unter den Gerichten, die Nelu auch aus Rumänien vom Silvesterfest kannte. Boeuf-Salat, russische Eier, Krautwickel, Salzgebäck in Brezelform mit Kümmel und Sesam. Kuchen zum Rehrücken geformt, Baumstriezel und Hefekuchen mit Mohn- oder Nussfüllung. Die kommunistische Schickeria von Chișinău gab sich ein Stelldichein. Männer in Uniform, mit Tonnen von Orden behängt, ihre jungen Frauen oder Geliebten mit Türmen von Pelzkappen auf dem blondierten Kopf und knappen Röcken über Strumpfhosen vom Schwarzmarkt. Der Geruch nach Schnee, Parfum und Haarspray, verschwitzten Nylonstrumpfhosen, kalten Sekts und Schaumwein. Der Wunsch, sich in alles bis zur Besinnungslosigkeit zu stürzen, und gleichzeitig auf dem Absatz kehrtzumachen und sich ins Bett zu legen. Nelu sog alles ein, es munterte ihn sogleich auf, riss ihn aus seinen trüben Gedanken.

»Ah, da!« Stănescu neben ihm deutete auf einen der hinteren Tische am Fenster, das bedeckt war mit schweren, drapierten Goldvorhängen, wohl aus Polyester. Dort saßen Kortelainen und sein Fahrer Iacuşi, umringt von Frauen. »Also, auf in die Schlacht, Mareșal. Haide, haide.« Stănescu schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter, ehe er ihn in Richtung des Tisches schob.

Steppenfalken – Am Balaton geht es heiß her

Im Sommer 1985, kurz vor meiner Geburt, möchte mein Attila, den ich in „Die Stadt der Freiheit“ genug geplagt habe, auch einmal Urlaub machen. Und zwar am ungarischen Plattensee, dort wo viele DDR-Urlauber eine gewisse Freheit mitbringen und sich Attila auch mal offener mit seinen Männerbekanntschaften vergnügen kann. Am Strand trifft er auf jemanden, der genau in sein Beuteschema passt:

Mit einem ohrenbetäubenden Knarzen schaltete sich die Stereoanlage auf den Holzbalken zwischen den Bambusvorhängen an. Schmerzhaft durchfuhr dieses Geräusch Rimas’ Nervenbahnen. Auf voller Lautstärke erklang Sounds like a Melody. Das fehlte gerade noch, bis zum Anschlag aufgedrehte Popmusik. Unmöglich, so eine Unterhaltung zu führen ohne taub zu werden und die Stimme zu verlieren. […]

„Auch bei uns gilt vieles als Beleidigung, wie etwa zu laut zu sprechen oder  – sofern man nicht miteinander trinkt – den anderen zu lange anzusehen“, lachte Rimas. „Geschwätzigkeit gilt als Unsitte. Man spricht nur, wenn man tatsächlich einen Grund hat. Ist mir manchmal auch lieber so.“

„Ja“, sagte Attila, senkte den Blick. „Trifft sich ja gut. Ich rede auch nicht gerne viel.“ Und da war sie wieder, diese komische Anziehungskraft. Rimas rückte mit seinem Stuhl näher zu Attila heran. Wie der wohl im Bett ist? Soll ich einen Schritt weiter gehen? Jetzt schon? Oder später? 

Sinnierend, was unhöflich sei, lehnte Rimas seinen Oberkörper zurück, zwinkerte den Sonnenstrahlen entgegen, die durch die verwitterten Bambusstangen des Vordaches sickerten. Entweder machte man alles richtig, oder versaute es sich von Anfang an. Wenn Attila ein verschwiegener Schöngeist war, sollte er ihn vielleicht da abfangen.

„Erwin, wat meenste?“, riss Rimas das Geschnatter einer Deutschen aus seinen Gedanken. Die Frau musste in seiner unmittelbaren Nähe sein, wenn ihre Stimme die Musik noch übertönte. „Dat is doch n scheener Platz, wa?“

Zaghaft blinzelte Rimas, sah den Rücken der Touristin vor sich. Ihr breitkrempiger Hut spendete ihm unerwartet Schatten. Erwin, der Gatte in Shorts, Karohemd, Sandalen und scheußlich blaugrau gestreiften Socken riss geräuschvoll den Stuhl zu sich. Wenn man vom Teufel spricht, dachte Rimas genervt, die Deutschen sind nach den Russen das lauteste Volk auf diesem Planeten, kennen weder Taktgefühl noch Benehmen … Unwillkürlich musste Rimas losprusten, legte seinen Kopf schräg und sah Attila augenrollend an.

„Hmh“, machte Attila, schmunzelte, sodass dessen schöne, hohe Wangenknochen noch mehr hervortraten. Er nahm einen weiteren Schluck seines Bieres, streichelte über das nasse Glas mit seinen schlanken Fingern. […]

Es surrte in den Lautsprechern, das Lied wechselte. Ein schrilles Pfeifen, dann normalisierte sich die Lautstärke wieder. Karma Chameleon … Wurde hier nur so was gespielt? Westmusik … Aber mit ein wenig Bier intus und mit diesem Blick Attilas auf ihm ruhend, dessen Schmunzeln ansehend, war das sogar halbwegs erträglich. 

Kinder der Revolution Einmal Rumänien und wieder zurück

In meinem eigenen Werk, das im Oktober als vierter Band meiner Familiensaga erscheint, macht mein Protagonist Tiberiu in den 1990ern eine Rundreise durch Rumänien.

»Für mich ist das nicht Rumänien. Es sieht so anders aus. Zu grün. Zu hügelig. Zu viel Wald«, verkündet Tiberiu und lehnt sich gegen das geparkte Auto auf dem Aussichtspunkt in der Nähe von Albeștii Pământeni an der Transfăgărășan, der Passage, die durch die Karpaten führt.
»Weißt du, wenn jemand Rumänien meint, denken die meisten Leute an diese Berge?«
»Aber das ist nicht mein Rumänien.«
»Und was ist dein Rumänien?«
Tiberiu öffnet den Mund, will etwas sagen, zögert und presst dann die Lippen zusammen. »Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nichts mehr. Wer ich bin oder wo ich bin.«
»Sei nicht so dramatisch«, antwortet Leo und zündet sich eine Zigarette an. Sollen wir zurückgehen oder in diesem Restaurant dort drüben essen? Zunächst müssen wir uns jedoch die Speisekarte ansehen. Wenn es nicht zu teuer ist, immerhin könnte das auch eine Touristenfalle sein.«
Tiberiu mustert die sattgrünen Hügel. Dahinter hat der ferne Himmel eine dunklere Farbe angenommen und kündigt ein Gewitter an.
»Wir haben keine andere Option, oder? Schau dir diese Sturmwolken an«, bricht Leo in seine Gedanken ein.
»Ich fühle nichts, wenn ich mir das ansehe. Die Hügel bringen bei mir nichts zum Klingen, nicht so, wie die Puszta-Steppe zu Hause«, murmelt Tiberiu.
»Oh Gott. Komm schon, du brauchst etwas zu essen. Und ein Bier. Du kommst wieder in diese gefährliche, sentimentale Stimmung.«
Das Restaurant sieht von außen traditionell aus, mit den schönen Holzarbeiten am Torbogen, den geschnitzten Blumenornamenten auf der Balustrade der Veranda. Drinnen jedoch gleicht es mehr einer Plastikhölle. Über den Fenstern befinden sich rote Polyestervorhänge, überall schwarze Kreuze, die Tische sind wie Särge geschmückt, die Kronleuchter mit schwarzem, geschmolzenem Kerzenwachs überzogen.
»Wir essen unser Essen und in zehn Minuten sind wir hier draußen«, erklärt Tiberiu und Leo rollt mit den Augen, salutiert. »Verstanden, Căpitan.«

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