#HowImetmyCharacter Attila

Attila ist einer der Charaktere, die man schon ewig zu kennen scheint und bei denen man manchmal innehält und sich fragt: Woher genau kenne ich den Typen?

Ich weiß gar nicht mehr ganz genau, wann er sich in meinem Gehirn formte. War es tatsächlich erst im März 2018, als ich auch mit dem Schreiben von Die Stadt der Freiheit/Dear Comrade Novák begann? Nicht schon früher, so wie die meisten meiner anderen Protagonisten? (Tatsächlich meine ich hier die männlichen Protagonisten, es sind diese, die mich seit mehr als zwei Jahrzehnten begleiten). Oder hat die Figur des Attila einen Ursprung in anderen angefangenen Werken, die in meiner Schublade verstauben? Er hat einiges gemeinsam mit einem Charakter, den ich mir kurz davor ausdachte: der war Amerikaner, strandete im New York der Gatsby-Zeit, ebenso wie Attila ein planloser Chaot, Sozialphobiker, im Dauer-Panik-Modus. Aber doch war das nicht der Bausatz für das, was Attila werden sollte.

Ganz lose verknüpft ist Attila mit einigen Erzählungen meiner Mutter aus ihrer Zeit im Internat in Timisoara. Das war die erste Prämisse, als ich mit dem Schreiben des Romans begann: den Schulalltag im kommunistischen Rumänien aufzuzeigen. Das war auch Anfang der 2000er, als wir alte Kisten und Kartons in unserem Haus in Deta/Rumänien durchgesehen haben; Schülerausweise, almanacs, Zeugnisse meiner Eltern, eine LP mit Ravels Bolero … Meine Mutter erzählte mir oft von ihren Chemiestunden, von der grauenhaften Lehrerin, die sie damals hatte, und ich erinnerte mich mit Grauen an die Freitage in der zehnten Klasse; beginnend mit zwei Stunden Sport, endend mit Physik und Chemie, das pure Grauen. (Und ja, die Wortwiederholungen sind hier Absicht!) Et voilà war die Idee zum Anfang des Romans geboren.

Die zehnte Klasse: gar keine schöne Zeit für mich, vor allem freitags

Ziemlich schnell wurde Attila zum Liebling der Leserinnen und Leser. Er ist eine einigermaßen dankbare Figur; sowohl Frauen als auch Männer finden sehr viele Dinge bei ihm, mit denen sie sich identifizieren können. Er ist sensibel, feinfühlig und kunstliebend, schüchtern und romantisch, aber auch ein eiskalter Killer, jemand, der Skrupel einfach so ausschalten kann, der auch einmal machohaft andere für sich putzen lässt und genervt davon ist, dass die um ihn herum wuseln.

Trotz aller spezifischen Merkmale für seine Herkunft und für die Zeit, in der er lebt, passt er mit seinem „Overthinking“ auch irgendwie total in unsere Zeit. Und sein Gedankenkarussell kann dabei krasse Züge annehmen. Nur mal als kleine, eher harmlose Leseprobe:

Er mochte das, die älteren, starken Männer, ein wenig pummelig gefielen sie ihm sehr. Hatte er denn einen Vaterkomplex? Ach was, Tiberiu vielleicht, aber doch nicht er! Meine Güte! Er sollte jetzt endlich mit diesem Gedankenkarussell aufhören. Um seine Nerven zu beruhigen trank er noch einen Kaffee, rauchte noch drei Zigaretten. Neun Uhr vorbei und Marosán war immer noch nicht da. Gut, hatte der endlich begriffen, dass sich normale Leute auch erst um zehn trafen, wenn sie sich auf zehn verabredet hatten. Aber normal war hier gar nichts. Und Attila konnte es auch nicht glauben, dass sich Marosán auf einmal so viel Zeit ließ. Diese Eigenart war einfach zu ausgeprägt. Einmal hatte es sogar Attilas Vater geschafft, zwei Stunden vor der Zeit aufzutauchen und gefragt, ob er zu spät sei. Und da war er wieder; der Gedanke an den Vater. Sigmund Freud aus dem alten Österreich-Ungarn hätte seine helle Freude an Attila gehabt. Lag es an der Nähe zu Wien, dass er hier so … Stopp! Mit aller Macht zwang Attila seine durchdrehenden Gedanken zum Stillstand.

Wie bei einem „richtigen“ Menschen aus Fleisch und Blut hat die Figur des Attila bei mir ein genaues Aussehen. Es gibt Fotos der Turnley-Brüder, die die Revolution 1989 dokumentiert hatten; diese Fotos zeigen einen schlanken Offizier, der inmitten von einem zerstörten Gebäude steht, sein Blick von unten nach oben, etwas scheu, verzweifelt, mit einer Spur Grausamkeit, Aggressivität, Frustration, die Lippen trotzig aufeinander gespresst, hält er seine AK-47 in der Hand. So jung, und trotzdem muss er sich am Gelände abstützen. Er ist sehr präsent in seiner Ausstrahlung und doch sieht er so aus, als wollte er sich am liebsten unsichtbar machen.

Facettenreich und vielschichtig, jedoch nicht immer mit einem Sympathiebonus ausgestattet, schlägt er viele Leserinnen und Leser in den Bann.

Die Figur des Attila ist wohl auch einer der Gründe, dass „Die Stadt der Freiheit“ beim Skoutz-Award schonmal auf der Midlist im Bereich „Historisch“ landete. Im September sehen wir mal, ob’s zur Shortlist reicht …

Attilas Roman und Attilas Handschuhe. Diese Handschuhe haben wir mal im Zug verloren, die sind wohl älter als ich. Zum Glück fand sie jemand und gab sie im Fundbüro ab. Glück gehabt.

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