#Aprilsettings2021 Teil 2

Sind die Handlungsorte deiner Geschichten real, gibt es Gemeinsamkeiten mit realen Orten oder sind sie frei erfunden?

Mihailsdorf, das liegt vierzig Kilometer von Temeswar entfernt, heißt es in meinen Romanen oft. Und Attila fährt freitags vom Internat immer durch ganz bestimmte Dörfer nach Hause; fährt man die Bahnstrecke in Echt mit dem Finger ab, dann landet man aber nicht in Mihailsdorf, sondern in dem Städtchen Deta.

Ist das Heimatdorf meiner Protagonisten also real oder fiktiv? Beides. Ich habe tatsächlich Deta, den Ort, in dem ich geboren wurde, als Vorbild genommen und es ein wenig umgeändert, um mehr Freiheiten zu haben. Was ich 1:1 übernommen habe, ist zum Beispiel der Stadtpark, der Friedhof, eine kleine Brücke …

An Timisoara/Temeswar hab ich nicht herumgepfuscht. Da ist alles authentisch.

Welche Feiertage gibt es in deinen Büchern? Sind sie den Charakteren wichtig?

Immer wieder taucht das Silvesterfest – Revelion – in meinen Büchern auf. Die Protagonisten richten sich dafür einen ganzen Tag lang schick her, essen bergeweise Mahlzeiten, trinken literweise Wein, Bier und Schnaps, und gehen nicht vor sechs Uhr morgens nach Hause.

Einmal feiert Nelu das Silvesterfest sogar in Chemnitz, in der DDR, und wundert sich doch sehr, warum alle auf einmal um ein Uhr nachts müde werden. Dabei geht der Spaß da erst richtig los …

Welchen Ort aus deinen Büchern würdest du gerne bereisen?

„Wo fahren wir in den Urlaub? Constanta?“

Das war mal hier, vor Corona, groß Thema. Dann verglichen wir die Preise. Wie viel würde ein Urlaub am rumänischen Schwarzen Meer in dieser geschichtsträchtigen Stadt, dem Verbannungsort Ovids und der Geburtsstadt Sebastian Stans, kosten? Schnell begruben wir diese Idee, als wir die Preise sahen. Hmnoh, Constanta ist zu … weit weg.

Nein, ehrlich, ich will da noch immer hin, auch wenn es teurer als ein Maledivenurlaub ist.

Wo und in welcher Zeit spielen deine Geschichten? Warum hast du dich gerade für diese Orte entschieden? Und für diese Zeit?

Meine Romane spielen in Rumänien, diesem Land, das ich so sehr liebe und so sehr hasse. Zeitweise lasse ich auch ein paar Szenen in Deutschland, Ungarn oder der UdSSR spielen. Aber immer verschlägt es meine Protagonisten zurück ins Heimatland.

Ich hatte ja mal ein Romanprojekt in New York spielen lassen. „Schreib nur über Orte, an denen du auch warst.“ Ja, ja, ne, passt schon, dachte ich. Aber es war dann doch ganz anders, über etwas zu schreiben, wo man selber war, wo man gar geboren wurde.

Warum ich mich dabei gerade in die Zeit des Kalten Krieges verliebt habe, kann ich immer noch nicht genau sagen. Ich hab dieses Thema in der Schule und sogar im Geschichtsstudium ignoriert, hab gar nicht verstanden, was da politisch so abging.

Aber plötzlich, als ich eine Geschichte um diese Zeit zusammenspann, da fand alles seinen Platz. Dabei sind meine Romane nicht nur reine Agententhriller, sondern gesellschaftliche Familiensagas. Meine Charaktere kämpfen sich durch die Irrungen und Wirrungen einer schwierigen Zeit, krisenerprobt sind wir seit jeher.

Gibt es Besonderheiten an deinem Schauplatz?

Mein Schauplatz ist eigentlich der heimliche Hauptprotagonist. Rumänien, Timisoara; sie verändern und entwickeln sich im Laufe der Romane wie ein Charakter. Besonders der Opernplatz in Timisoara spielt dabei eine bedeutende Rolle, vor allem in „Die Stadt der Freiheit“ während der Revolution.

Wenn du den Handlungsort ändern würdest, wie würde das die Geschichte verändern?

Uhh, eine interessante Frage. Meine Romane spielen ja im Ostblock, was viele sehr ungewöhnlich finden für einen (historischen) Roman. Ja, glaubt mir, was das angeht, hab ich schon einige, sagen wir mal leicht befremdliche Kommentare zu hören bekommen.

Aber gut. Was wäre denn, wenn ich es machen würde wie die meisten? Sagen wir mal, mein Nelu aus „Trümmerland“ und Attila aus „Die Stadt der Freiheit“ hätten sich losreißen können, wären in den Westen geflohen. Attila in die USA, Nelu nach Deutschland? Was wäre aus ihnen geworden?

Ich muss sagen, da herrscht eine große Leere in meinem Kopf. Nelu in der BRD? Da hätte ich keinen Roman zustandebringen können. Ein Mann wie er wäre hier wohl nur schief angeguckt worden, hätte sich nicht integrieren können, wäre immer ein Außenseiter geblieben. Ja, ich denke, der große Securitate-Maresal Ion Nelu Nicolescu hätte in so einem Roman mit dem Schauplatz BRD wohl nur als Bauarbeiter oder Erntehelfer getaugt.

Tatsächlich gab es in „Trümmerland“ einige Begegnungspunkte mit Deutschland. Nicht zuletzt wollte Nelus große Liebe Andrada, dass er mit ihr flüchtet. Er wusste aber bereits, dass das nichts geworden wäre.

Und Attila? Ja, der hätte wohl in den USA ein schönes Leben geführt, wahrscheinlich hätte er sich nach San Francisco abgesetzt, die Gay Prides genossen, vielleicht auch endlich einen festen Freund gefunden, wer weiß? Ob er da aber vorsichtiger gewesen wäre, sich nicht mit dem HI-Virus angesteckt hätte? Schwer zu sagen …

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